Flug mit Heissluftballon, Neuseeland

//Flug mit Heissluftballon, Neuseeland
Flug mit Heissluftballon, Neuseeland2015-11-19T10:31:49+00:00

Flug mit einem Heissluftballon: Vollendete Harmonie in 3.000 Metern Höhe

„Schtschtscht“ macht der Brenner über mir, während er die Luft im Ballon erhitzt, damit wir weiter aufsteigen. Einige Male schon hab ich dieses unverkennbare Geräusch gehört, wenn ich staunend Heißluftballone aus der Ferne beobachtete, die scheinbar mühelos direkt über mir ihren Weg durch die Lüfte beschrieben. Nun bin ich selbst hoch oben im Ballon.

Beim Verbrennen von Papier kamen die Fabrikantensöhne Joseph-Michel und Jacques-Etienne Montgolfier auf den Trichter: während sie zusahen, wie die Asche über dem Feuer aufgewirbelt wurde, reifte in ihnen die Idee des Fliegens mit heißer Luft. 1783 stieg der erste Montgolfsche Heißluftballon bestehend aus Papier, Leinen und Seide und bestückt mit einem Schaf, einer Ente und einem Hahn über dem südfranzösischen Dörfchen Annonay in die Lüfte. Die Versuchstiere überstanden den Flug halbwegs unbeschadet, nur die Ente brach sich den Flügel, als das Schaf in seiner Aufregung bei der Landung auf die Ente trat. Die Zeit für den ersten bemannten Flug war gekommen. Jean-Francois Pilatre und Francois Laurent waren die ersten Menschen, denen es gelang, die Schwerkraft zu überwinden. Unser Wort „Pilot“ kommt von jenem ersten Flieger in der Geschichte der Menschheit: Jean-Francois Pilatre de Rozier.

Seit halb fünf sind wir auf den Beinen, nachdem ein Anruf die frohe Botschaft verkündete, daß die Wetterverhältnisse gut und der Ballon „startbereit“ sei. Beide Aussagen stellten sich als eine gelinde Übertreibung heraus, erfüllten jedoch ihren Zweck, uns zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett zu bekommen. Nachdem wir einen Startplatz jenseits des dicken, zähen Morgennebels über Canterbury gefunden hatten, wurde der riesige Ballon mittels zweier Ventilatoren im Morgengrauen aufgebläht. Je mehr Leben wir dem Ungetüm aus Textilstoff, Klettverschlüssen und Strapsen einhauchten, desto winziger wurden wir neben ihm.

Schliesslich war es soweit, in die Gondel zu klettern, die in verschiedene Abteilung eingeteilt ist, ein Umstand, der bei der Landung, wo die Gondel oft umkippt, eine gewisse Rolle spielt. Die Sonne war inzwischen über Canterbury aufgegangen und der Nebel hat sich verzogen. Ein strahlend schöner Tag nimmt seinen Lauf. Wir nutzen die ruhige, kühle Luft und Windstille in den frühen Morgenstunden, um einen reibungslosen Ballonflug geniessen zu können.

Das wohlvertraute „Schtschtscht“ des Brenners ertönt, die Gondel ruckelt und zuckelt und – hebt sich langsam vom Startplatz empor. Das Begleitfahrzeug bleibt unter uns zurück und wird immer kleiner, während wir uns sanft über das weite Farmland erheben. In einiger Entfernung können wir die letzten Nebelreste sehen – wie dicke Stränge aus weißer Watte ringelt sich der Nebel über dem Land. Glasklar ist jedes Haus und jeden Strauch unter uns zu sehen. In weiter Ferne liegt Christchurch unter einer Nebelglocke. Die Verästelungen des Rakaia Flußsystems – einem der meistverästelsten Flüsse in der Welt – schillern in der Morgensonne wie glänzende Bänder.

Wir steigen und steigen und keiner der zehn Passagiere sagt einen Piep, so sehr hat es uns die Sprache verschlagen. „Schtschtscht“, macht der Brenner.

Die Aussicht zu den Bergen hin ist noch atemberaubender. Wir befinden uns direkt am Fuß der neuseeländischen Alpen, die nun voll in unserem Blickfeld liegen. Schneebedeckte Gipfel zwinkern uns zu – von Angesicht zu Angesicht, so scheint es.

Ruhe kehrt ein nach all der Aufregung. Es ist als ob die Zeit stehengeblieben sei. Der Ballon verharrt in etwa 3.000 Metern Höhe und wir stehen fast still in der Luft und lassen das Auge schweifen. Kein Lufthauch ist zu spüren. Wir befinden uns jenseits von Raum und Zeit.

„Balloons take you out of this world in the most graceful style“, schreibt Dick Wirth, ein Ballonfahrer aus Leidenschaft. Und noch bevor sich der junge Tag seinem Zenit nähert, hat uns die Leidenschaft voll angesteckt. Die Leidenschaft, in vollendeter Harmonie durch die Luft zu treiben, die Seele baumelt und jubiliert und alle Sinne genießen das spektakuläre Ereignis – ein ganz und gar unvergeßliches Erlebnis.

© Tina Hartung, 2011