Gletscherwanderung am Franz Josef

//Gletscherwanderung am Franz Josef
Gletscherwanderung am Franz Josef2016-08-20T11:40:40+00:00

Gletscherwanderung am Franz Josef Gletscher, Neuseeland

Schritt für Schritt wagen wir uns durch die schneeweisse Eiswüste. Die Gletscherfalten (crevasses) um uns herum liegen da wie gezackte Dinosaurier-Rücken. Unsere Gruppe ist seit dem frühen Morgen am Franz Josef Gletscher unterwegs und obwohl wir ein bunt gemischter Haufen aus allen Ländern der Welt sind, nimmt eine lustige Gruppendynamik rasch ihren Lauf. Wie könnte es auch anders sein, bei einem Bergführer der „Roar“ heisst, was soviel wie das Brüllen eines Tigers bedeutet.

Mit den Jacken und Mützen von Glacier Guides sehen wir alle zum Verwechseln ähnlich aus, und ich muss zweimal hingucken, um zu erkennen, um wen es sich handelt. Handschuhe, Socken, Schuhe und Grampions ergänzen unsere Ausstattung, die wir in einem Akt organisatorischer Glanzleistung im Glacier Guides HQ im Städtchen Franz Josef vor unserer Tour erhalten haben. Bereits heute morgen hat sich dann gezeigt, wen der Berg wirklich ruft und wer nur ein Möchte-Gern-Alpinist ist. Ich bin wohl eher letzteres, möchte aber gerne zur ersten Kategorie gehören und ziehe rasch und ohne Murren die fremden Socken an, um in die muffig riechenden, weil vom Vortag noch nassen Bergstiefel zu steigen. Die anderen können sich lautstarke Zeichen von Pimseligkeit nicht verkneifen, wie ich mit einer gewissen Befriedigung feststelle.

Mit unseren Grampions in einer Nierentasche um den Bauch geschnallt, steigen wir dann in den nostalgisch aussehenden Bus, um die wenigen Kilometer bis zum Parkplatz des Franz Josef Gletschers zurückzulegen. Grosses Gesprächsthema im Bus ist das leichte Erdbeben der vorangegangenen Nacht, das stark genug war, um den Feueralarm in der Jugendherberge zu aktivieren – schliesslich befindet sich Franz Josef direkt auf der Faltlinie der pazifischen und der indischen Platte, die die gesamte Südinsel durchzieht.

Eine kurze halbstündige Wanderung entlang der Moräne und des Flusses, den das Gletschereis nach dem Abschmelzen bildet, bringt uns zum Terminal. Auge in Auge mit den uns bevorstehenden Eiswelten, hören wir geduldig der Lektion zu, wie man die Steigeisen so anschnallt, damit sich die Zacken auch wirklich in den Schnee bohren und nicht in die eigene Schuhsohle, was anscheinend öfter passiert als uns lieb sein kann.

Wir werden nach Fitnesslevels in Gruppen eingeteilt und dann geht es los über ins Eis geschlagene Stufen, die den Aufstieg über die Gletscherzunge doch sehr erleichtern. Ein wenig Fitness kann hier nicht schaden, hier geht es ja doch meistens bergauf. Das Eis schmilzt schnell auf den Stufen, so dass Roar seine Kraft unter Beweis stellen kann und beim Weitergehen immer neue schlägt. Wir halten oft, um die immer wieder neuen Eisformationen um uns herum auf Filmmaterial zu bannen und die Pause ist ausserdem eine willkommene Gelegenheit, zu verschnaufen.

Ein Gletscher ist die Schneemasse, die über den Sommer nicht weggeschmolzen ist. Die Schneekristalle formieren sich neu und bilden zusammen eine Eismasse. Wenn der jährliche Schneefall die Schneemasse, die wegschmilzt, übersteigt, dann wächst der Gletscher. Wenn der Schneefall nicht so hoch ist, wie das, was wegschmilzt, dann wird der Gletscher kleiner.

Die beiden Gletscher der Westküste, dessen Zungen bis tief in den Regenwald hinein- und fast bis ans Meer ragen, sind einzigartig in Neuseeland und der Welt. Extrem hoher Regen bzw. Schneefall (10.000 – 15.000 Millimeter pro Jahr – doppelt soviel wie im Milford Sound, der für seine 200 Regentage pro Jahr berühmt ist) sorgt dafür, dass sich die Gletscher etwa zehnmal schneller vorwärts bewegen als andere Gletscher. Die hohe Geschwindigkeit, mit der hier Schnee in Eis verwandelt wird, sorgt ausserdem dafür, dass der Fox und der Franz Josef Gletscher bei hohem Schneefall in nur 5-6 Jahren mit Vormarsch reagieren, während andere Gletscher 10 – 15 Jahre Schneeüberschuss brauchen, bis sie ihre Gletscherzunge weiter vorstrecken.

Das Eis um uns herum ist nicht immer weiss, eher grau und von vielen, vielen Steinchen übersät. Roar erklärt uns beim Lunch, dass das Wasser, auf dem der die Gletscherzunge ins Tal gleitet (wenn genug Schneefall dafür sorgt, dass der Gletscher vorwärts marschiert) durch einen Pfropfen, der sich am Ende des Terminals gebildet hatte, aufgestaut wurde. Der daraufhin gebildete Druck, war gross genug, um das sich aufstauende Wasser in der Mitte der Gletschers wie eine Fontäne herauszusprühen. Mit dem Wasser ergossen sich viele kleine Steinpartikelchen über das Eis.

Das erstaunlichste am Franz Josef Gletscher ist jedoch, dass sich seine Gletscherzunge bis auf läppische 240 Höhenmeter hinunterstreckt. Dagegen erreichen die meisten anderen Gletscherzungen kaum die Baumgrenze. Gletscher in Europa und Amerika, die sich auf ähnlichen Breitengraden befinden, reichen noch nicht mal bis auf 2000 Meter hinunter…

Mit Fortschreiten des Tages wird uns mehr und mehr bewusst, auf welcher Kostbarkeit wir hier unsere Füsse setzen. Fast sind wir froh, als wir den Heimweg antreten und die nach dem österreichischen Kaiser benannte Kostbarkeit wieder der beeindruckenden Gewalt der Natur überlassen. Doch der Ausflug wird uns noch lange gedenken.